Prolog (RS)

-Rouvens Story-

Es war ein recht milder Morgen für den 31. Tag des ersten Mondes in Winjaik und der Gerber Benedic bereute bereits einen zweiten Mantel angezogen zu haben, während er auf dem Weg zum Jäger war. Auch wenn er seinen Atem in der Luft als milchig-weißen Nebel sehen konnte, so klebte sein Fell in verschwitzten Strähnen am Rücken zusammen. Dennoch schritt er mit frohem Geist schnell voran um noch vor der Dämmerung wieder zurück bei seiner Frau zu sein. Sie trug ihr gemeinsames Kind in sich, welches in den nächsten Tagen das Licht von Ortus Sonne erblicken sollte. Benedic wusste, dass die Geburt unter keinem allzu guten Stern stand. Es war viel zu spät im Jahr und der grausame, kalte Winjaik wartete nur darauf seine eisigen Finger über das Land zu strecken. Aber gemeinsam, da war er sich sicher, würden sie jede Widrigkeit überstehen. Das Kind war die Erfüllung all ihrer Wünsche und es würde mit der unendlichen Liebe seiner Eltern aufwachsen. Was sollte also passieren?
Der Jäger Houg wohnte in einer kleinen Hütte ungefähr zwei Stunden vom Waldrand entfernt. Er gehörte zwar noch zu Wulfton, demselben Dorf aus dem auch Benedic stammte, doch die anderen Bewohner mieden ihn aufgrund seiner Arbeit mit toten Tieren. Es war ihnen unangenehm, dass er sie tötete, ausnahm und ihnen die Haut abzog. Deshalb war er weit in den Wolfstannwald gezogen um niemandem zur Last zu fallen und so musste man fast vier Stunden Weg hinter sich bringen um ihn zu erreichen. Auch Benedic war aus ähnlichen Gründen oft herablassender Blicke ausgesetzt, wurde jedoch im Dorf geduldet, weil er nur noch die Häute und Felle der Tiere nutzte und sich auch an der Feldarbeit beteiligte. Zudem zog seine Frau die meisten Heilkräuter im Dorf heran und es war somit unerlässlich, dass sie in der Nähe wohnten. Benedic grollte den anderen Dorfbewohnern deswegen nicht. Als er und Anisha, seine Frau, vor nun fast zehn Jahren nach Wulfton gezogen waren, hatten sie gewusst worauf sie sich einließen. Die Bewohner waren fast alle Pflanzennährer. Schafe, Schweine, Hasen und Pferde. Benedic als Wolf und Anisha als Kojote schürten in ihnen Unwohlsein, das wohl nie ganz verschwinden würde. Es waren schwere Zeiten in denen man sie Beide zunächst wie Verbrecher behandelte. Nur sehr langsam baute sich ein zartes Vertrauen auf, dass jederzeit wieder umschlagen konnte. Aber sie beide wussten, dass genau hier der perfekte Ort war um sesshaft zu werden und eine Familie zu gründen. Nun sollte es bald soweit sein! Ob dieser Gedanken konnte Benedic sich des breiten Grinsens nicht erwehren und beschleunigte seinen Schritt noch ein wenig mehr. Nichts täte er lieber als jetzt bei Anisha zu sein. Ihr Essen ans Bett zu bringen, die Kissen aufzuschlagen oder ihr über den runden Bauch zu streichen. Aber das Totenfest Juhlmiris stand bevor und er musste vom Jäger noch einen Truthahn besorgen, den sein Vater zu Lebzeiten gerne gegessen hatte. Jedes Jahr am ersten Tag des zweiten Mondes in Winjaik Gedenken die Animas den verstorbenen Liebsten und kochen einen Eintopf in den alles hineingeworfen wird was die Toten zu Lebzeiten gerne aßen, um ihre Geister milde zu stimmen. Der Eintopf schmeckte umso grausiger, desto mehr Tote man zu besänftigen hatte und es blieb immer eine große Menge übrig. Diese Reste wurden schließlich auf den Boden vor dem eigenen Heim verschüttet um auch die rachsüchtigsten Verstorbenen zu besänftigen. Normalerweise jagdten Benedic und seine Frau die nötigen Zutaten selbst, doch in diesem Jahr hatten sie nur das Eichhörnchen für Anishas Bruder und zwei Enten für Benedics Mutter und Schwester erjagdt. Sie wollten kein Risiko eingehen und so blieb Anisha daheim und tat nur das Nötigste, während Benedic neben seiner Arbeit die Vorräte für Winjaik aufstockte und den Haushalt erledigte. Schon vor drei Wochen hatte er einen Botenjungen zu Houg geschickt und ihn um einen Truthahn gebeten, den er gegen ein paar Lederriemen und zwei Flaschen Kräutertinktur tauschen würde. Erst vor drei Tagen hatte er die Antwort erhalten, dass Houg einen Schwarm in seiner Nähe entdeckt hatte und ihn am heutigen Tage erwartete.
Benedic hatte den Waldrand vor gut einer Stunde hinter sich gelassen und folgte nun dem Sturmfluss Richtung Norden. Es war der längste Fluss Tiorlanths, welcher hier im Norden des Wolfstannwaldes dem Silberfluss entsprang. Auf halber Höhe zwischen diesem Ursprung und Wulfton lag Hougs Hütte an den Ufern des Sturmflusses. Er müsste bald da sein. Benedics Blick glitt nach oben zum wolkenlosen Himmel, der von Schnee kündete. Die Sonne stand kurz vor ihrem Zenit, somit lag er gut in der Zeit, um noch vor dem Abendessen wieder zurück bei Anisha zu sein. Der Sturmfluss verbreiterte sich je näher er seinem Ziel kam und er konnte schon den leichten Hauch von Feuer in der Luft wahrnehmen. Seine Hände griffen die Riemen seines Ledersackes fester, in denen er die Tauschware trug, und er begann jetzt zu rennen.
Houg war gerade dabei vor seiner Hütte einige Tierhäute auszubreiten. Er sah von seiner Arbeit auf, als er Benedics schnelle Schritte auf dem trockenen Laub hörte. Auf seiner kleinen, spitzen Schnauze zeigte sich ein breites Grinsen als er ihn erblickte.
„Bei Venandis Bogen, da hat es aber jemand eilig ganz schnell wieder von hier zu verschwinden, um seinem Weib das Essen zu bringen.“ Seine Stimme war dunkel und gurrte leise bei jedem R das er sprach. Benedic erwiderte das Lächeln und hob die Hand zum Gruß.
„Vorsicht, alter Freund, dasselbe Weib hat dich im letzten Jahr beim Bogenwettkampf besiegt.“ Houg lachte herzlich als er neben ihm zum Stehen kam. Für einen Waschbären war seine Statur recht kräftig und er reichte Benedic mit den Ohren bis zum Kinn. Sein grauer Pelz war wie immer zerzaust, aber nicht ungepflegt und obwohl er sein linkes Bein beim Laufen etwas nachzog war er ihm im Wettlauf immer überlegen. Noch immer leise lachend drehte er sich um und winkte ihn zu sich.
„Ha! Das ist aber auch ein Teufelsweib. Wir werden ja sehen wer nächstes Jahr der Sieger ist. Nochmal lasse ich mich nicht so einfach überholen! Komm her und setzt dich um mit diesem Einsiedlerkrebs etwas zu trinken.“ Benedic sah ihm zu wie er sich auf eine grobe Holzbank setzte und überlegte einen Moment ob er der Einladung folgen sollte. Jede Faser seines Körpers drängte ihn dazu schnell wieder aufzubrechen aber der süß-fruchtige Geruch, der aus einem gusseisernen Topf auf dem Feuer aufstieg, ließ ihm klar werden, wie durstig er war. Also setzte er sich zu dem Waschbären, der ihm einen töpfernen Becher reichte.
„Du hast wieder deinen eigenen Bärenbräu gemacht?“ Fragte Benedic und hielt Houg den Becher hin damit dieser den Inhalt des Topfes darin umschütten konnte. Die Antwort war nur ein kurzes „Jupp“ als der Topf wieder auf dem Feuer landete. Houg hatte bereits einen gefüllten Becher unter der Bank stehen gehabt, der Benedic vorher nicht aufgefallen war. Es gab ein dumpfes ‚tock‚ als sie anstießen und zum Trinken ansetzten. Bärenbräu war ein Gemisch aus aufgekochten, gährenden Beeren, Honig und Pfefferminzblättern, das sowohl heiß als auch kalt getrunken werden konnte. Es hinterließ eine wohlige und dennoch erfrischende Wärme im Hals bis hinunter zum Magen und Benedic fühlte, wie sich seine Kräfte für die Heimreise erneuerten.
„Es ist also bald soweit, hu?“ Setzte Houg ihr Gespräch fort, nachdem er sich die Schnauze mit dem Unterarm abgewischt hatte. Trotzdem es auf den kalten Winjaik zuging und die Temperaturen in der Nacht schon für Reif auf den Blättern sorgten, trug er nur ein einfaches Hemd, das an seiner Brust weit offen stand. Dazu eine alte und fleckige Leinenhose, die mehr Löcher aufwies als der Käse der Bauern. Benedic nickte. „Es kann jeden Tag soweit sein. Darum will ich so schnell es geht zurück. Tut mir leid, dass ich nicht lange bleibe, ich werde ein anderes Mal kommen um zu verweilen.“ Houg brummte kurz und schüttelte den Kopf. „Du weißt genau so gut wie ich, dass es in nächster Zeit wohl keine großen Tagesreisen für dich geben wird, Grimm“, begann er und nutze den alten Begriff für “Wolf“.
„Du wirst brav dein Heim schützen, ein oder zwei Mäuler mehr stopfen müssen und die Nächte kein Auge zu bekommen, weil dich das Heulen eines kleinen Balgs wach hält. Hah! Ich kann vermutlich froh sein, wenn du diesen Winjaik nicht krepierst.“ Nun war es an Benedic den Kopf zu schütteln. „Vielen Dank für deine Zuversicht, alter Freund. Das macht großen Mut.“ Houg zuckte kurz die Schultern und nahm einen weiteren Schluck Bärenbräu. So saßen sie schweigend nebeneinander und starrten vor sich her.
„Ich weiß, du freust dich auf den Nachwuchs, und wirst mir meine Worte verzeihen, aber ich hoffe für dich und deine Frau, dass es nicht heute passiert.“ Benedic sah nachdenklich in seinen Krug. „Was meinst du damit?“ Houg brummte leise und stützte eine Hand auf sein Knie. „Dieser Tag bringt nichts Gutes. Weder für euch noch für den Welpen.“ Benedic wusste worauf sein Freund anspielte, er selbst fürchtete sich im Geheimen davor, dass es gerade in dieser Nacht passieren würde. Nicht nur, dass sie eigentlich viel zu spät dran waren im Jahr, so galt ein Kind, das an Juhlmiris geboren wurde als Unheilverkündend. Als Beutegreifer standen sie sowieso bereits auf der Messerschneide, das Kind hätte es also an sich schon nicht sehr leicht Anhang zu finden. Sollte es wirklich an Juhlmiris geboren werden, könnte sein Leben ein einziger Spießrutenlauf werden. „Egal was kommt, Ben. Dieser Welpe ist ein Geschenk der Götter an uns. Es wird lieben und wieder geliebt werden.“ Ein sanftes Lächeln zog über seine Lefzen, als er an Anishas Worte bezüglich seiner Sorgen dachte und er klopfte Houg als Antwort auf die Schulter. Vielleicht hätte er seine Kraft ein wenig dämpfen sollen, denn sein Freund konnte sich nur knapp auf der Holzbank halten und verschüttete etwas von seinem Getränk. Überrascht sah Houg ihn an und Benedic schenkte ihm ein entschuldigendes Grinsen, wobei sein Gebiss zur vollen Geltung kam. Dann lachten sie beide laut auf und erschreckten damit eine Schaar Spatzen in den Büschen, die hastig aufflog. „Du bist jetzt schon nicht mehr ganz bei Sinnen, alter Freund! Der Welpe wird dir aufs Dach klettern“, setzte Houg ihr Gespräch fort während er sich einen neuen Becher einschenkte. Plötzlich zuckten seine Ohren und auch Benedic vernahm das Geräusch. Eilige Schritte näherten sich ihnen. Sie drehten sich beide gleichzeitig herum und starrten mit gesträubtem Nackenfell den Weg hinab, welchen Benedic vor nicht einmal einer halben Stunde selbst entlang gekommen war. Ein Hasenjunge kam mit voller Geschwindigkeit um die Flussbiegung auf sie zu und Benedic sprang auf. Er kannte den Jungen! Er wohnte in ihrem Nachbarhaus. Mit sich hektisch hebender Brust blieb der Junge knapp vor ihnen stehen. Seine Augen waren weit aufgerissen und sein Fell von der rasanten Reise völlig zerzaust.
„Benedic, du musst schnell zurück! Anisha bekommt euer Kind!“ Es schien, als würden die Worte nur Tropfen für Tropfen in seinem Kopf ankommen. Er starrte den Jungen an, als hätte er ihn noch nie zuvor gesehen. „Wann hat es angefangen?“ Seine Stimme war viel zu leise für die Aufregung und Anspannung die er verspürte. „Etwa zwei Stunden, nachdem du fort warst. Sie rief ständig deinen Namen.“ Anisha. Anisha rief nach ihm und er hörte es nicht. „Bei den Göttern! Jetzt bewege deinen pelzigen Hintern! Beeilt euch, ein Sturm zieht auf.“ Knurrte Houg ihn an und riss Benedic endlich aus seiner Trance. Er verabschiedete sich nicht einmal von seinem Freund als er dem Hasenjungen hinterher rannte. Noch war der Himmel wolkenklar. Nichts deutete auf einen Sturm. Aber Benedic kannte Houg gut, und wenn dieser meinte ihn vor einem Sturm zu warnen, dann war es noch wichtiger sich zu beeilen. Anisha brauchte ihn.

Der eisige Schneewind drückte das Stroh in den Fensterscharten in den Innenraum. Irgendetwas stimmte nicht, das wurde Benedic in dem Augenblick klar, als er die Frauen seiner Nachbarn und Pfarrer Uzziel in seinem Haus stehen sah. Letzterer sah ihn mit besorgten Augen an und Benedic fürchtete bereits das Schlimmste. Der Pfarrer war eine imposante Erscheinung. Er allein schien mit seiner Präsenz den ganzen Raum einzunehmen. tatsächlich musste er seinen Kopf etwas hinunter beugen um nicht mit einem der Deckenmasten anzustoßen. Üblicherweise waren die Häuser im Dorf alle ähnlich gebaut und an die Größe der Bewohner der Gemeinschaft angepasst, doch als Shirehorse überragte Pfarrer Uzziel sie alle bei weitem. Er streckte ihm die offenen Hände entgegen als Benedic hinein stürmte.
„Was ist? Was ist mit meiner Frau?“ Des Pfarrers Augen wurden nur noch besorgter. „Sie ist in eurem Schlafgemach. Das Kind scheint noch nicht bereit für Orbis Welt zu sein. Es will nicht hinaus.“ Benedics Atmung wurde hastig und er schluckte schwer. Dann drehte er sich zur einzigen Tür im Raum um hinter der seine Frau lag. Er stolperte auf dem Weg, als wollten seine Pfoten schneller laufen als es sein Verstand verarbeiten konnte. Er öffnete die Tür und das Scharnier quietschte unangenehm in seinen Ohren. Mit hastigem Blick überschaute er die Szene die sich ihm darbot. Anisha lag auf ihrem Bett, über die gespreizten Beine ein Tuch gelegt. Ihre Nase war blass und ihre Augen glasig. Er sah ihr an, dass sie Schmerzen hatte. Und doch kam kein Laut über ihre Lefzen. Neben dem Bett stand die Dorfhebamme. Eine Schafsdame deren Name Benedic in diesem Augenblick einfach nicht einfallen wollte. Sie hielt einen nassen Lappen in der Hand, mit dem sie Anishas Stirn zu kühlen versuchte. Es roch nach Schweiß, Blut und…- Angst.
Hastig eilte er an die Seite seiner Frau und nahm ihre Hand. Er rief ihren Namen, aber sie schien ihn kaum wahr zu nehmen.
„Sie ist stark“, begann das Schaf und benetzte Anishas Hals mit etwas Wasser. Benedic sah zu ihr auf. Sein Herz raste, als wolle es voraneilen um irgendetwas zu tun. Irgendetwas um der Frau zu helfen für die es tagtäglich schlug. „Sogar sehr stark. Doch wenn das Kind nicht bald Willens ist hinaus zu kommen bringt sie das Beide in große Gefahr.“ Furcht saß in Benedics Gliedern und ließ sie verkrampfen. Nagte an seinem Verstand und seiner Kontrolle. Er sah hinab auf seine Frau deren Brust sich nur flach hob und senkte. Jeder Atemzug schien ihr eine unmenge an Kraft zu kosten. Zärtlich, als berührte er ein frisch geschlüpftes Vogelkücken, strich er ihr über den Kopf. „Könnt ihr nichts tun?“ Er hörte die Verzweiflung in seiner Stimme. Er durfte Anisha und ihr Ungeborenes nicht verlieren! Nicht so! Nicht so früh. Noch vor all den wundervollen Erinnerungen die sie teilen würden. Das Schaf schüttelte langsam den Kopf und Benedic erinnerte sich endlich an ihren Namen. „Agnes, bitte“, er griff über seine Frau hinweg nach ihrer Hand, „bitte helft ihr. Ich kann sie nicht verlieren.“ Agnes sah zuerst zu ihm und dann auf Anisha hinab. Ein langes, tiefes Seufzen entrang sich ihr und Unsicherheit lag in ihrem Gesicht. „Ich werde alles in meiner Macht stehende versuchen. Aber ich weiß nicht ob ich es kann.“ Benedic sank in sich zusammen und ließ Agnes Hand wieder frei. Womit hatten sie das Verdient?
„Ben?“ Anishas Stimme war nur ein Hauchen und Benedic rückte mit dem linken Ohr näher an sie heran. In seinen Augen standen Tränen und er blinzelte mehrfach um sie klar sehen zu können. „Ich bin hier, Liebes.“ Er spürte ein zartes drücken ihrer Hand und er lächelte seine Frau an, als sich leichte Hoffnung in ihm rührte. Sie hatte Mühe ihren Blick auf ihn zu fokussieren und als sie Sprach musste sie nach fast jedem zweiten Wort eine Atempause einlegen. Sie so zu sehen schmerzte ihn im ganzen Körper.
„Hab keine Angst. Es wird ein gesunder Junge. Er wird dich bedingungslos lieben und du wirst ihm ein wundervoller Vater sein.“ Das kurze Lachen, das er bei ihren Worten ausstieß ähnelte mehr einem verschlucktem Niesen. Anisha war von Anfang an davon überzeugt gewesen, dass es ein Junge werden würde. Nichts hatte sie davon abbringen können, so oft er ihr auch sagte, dass er auch ein Mädchen lieben würde. Sie hatten viele Male darüber geredet, kamen jedoch nie auf eine Einigung. Aus diesem Grund hatten sie noch nicht einmal Namen für das Kind beschlossen.
„Du liebst mich.“ Begann sie und er glaubte ein Lächeln in ihren Augen zu erkennen. „Und du liebst mich.“ Antwortete er ihr wie schon tausende Male in ihrer gemeinsamen Zeit. Aber diesesmal erschien es ihm bedeutender als jemals zuvor.
„Er wird stark werden. Deinen Mut besitzen und herzlich mit den Leuten sein. Hab also keine Angst.“ Er konnte nicht anders als zu nicken. Es hatte keinen Sinn mit ihr zu diskutieren oder sie zu ermahnen ihre Kräfte zu schonen. „Ist gut, Liebes.“ Brachte er mit Mühe hervor und sie schloss die Augen. Der Druck ihrer Hand in seiner wurde stärker und ihr Gesicht begann sich vor Schmerz zu verzerren. Benedic sprang auf. „Was hat sie? Was ist los?“ Agnes hob eilig das Tuch nach oben und der plötzliche Schwall des Geruchs von Blut nahm ihm den Atem. „Geht jetzt nach draußen und schickt mir zwei der Frauen herein. Ihr könnt hier nicht helfen.“ Anishas Maul öffnete sich weit ehe ein grässlicher Schrei seine Ohren erfüllte. Er schrie ihren Namen, doch Agnes Hände schoben ihn von ihr fort. „Geht! Ihr steht im Weg und ich brauche die anderen Frauen! Nun macht schon!“ Sie drängte ihn weiter zur Tür während er den Blick nicht von seiner Frau nehmen konnte. Da war so viel Blut. Das konnte nicht richtig sein! Zwei Leiber drückten sich an ihm vorbei in das Schlafgemach, ehe sich die Tür vor ihm schloss und damit die Sicht versperrte. Hände führten ihn zum Stuhl an der Feuerstelle, auf welchem Anisha immer saß, um ihre Stoffe zu nähen. Leise Lieder vor sich her summend, deren Worte in einer Sprache waren die er kaum verstand. Jemand reichte ihm einen Becher mit frisch aufgebrühtem Kräutertee. Es war die Mutter des Hasenjungen, der ihn her geholt hatte. Sie sagte nichts weiter zu ihm, aber ihr Blick sprach tiefes Mitgefühl aus. Der Pfarrer stand vor der Tür zum Schlafgemach und sprach leise irgendwelche Gebete für seine Frau und das ungeborene Kind. Benedic konnte nicht verstehen was genau er sagte. Die einzigen Geräusche, die er hören konnte waren das Heulen des Schneesturms und die schmerzerfüllten Schreie seiner Frau.
Stunde um Stunde war seine ganze Welt auf diesen einen Raum und diese beiden Geräusche geschrumpft. Nichts anderes existierte für ihn.
Und dann herrschte auf einmal Stille. Zuerst bemerkte er es gar nicht, es war, als erwachte er aus einem elenden, langen Alptraum und das Erste, dass er wahrnahm war der Becher kalten Tees in seinen Händen. Erst danach fiel ihm die plötzliche Stille auf und sein Blick glitt zur Tür. Langsam erhob er sich aus seinem Stuhl und trat fast schon schleichend an die Seite des Pfarrers, welcher ebenfalls die Tür ansah. Warum war es so still? Was war mir seiner Frau und dem Kind? Warum kam niemand um ihm zu sagen wie es ihnen ging?
Gerade als er die Hand nach der Klinke ausstreckte, öffnete sich die Tür. Doch niemand trat heraus. Stattdessen stand Agnes neben dem Türrahmen um ihn hinein zu lassen und ihr Blick ließ seinen Körper zu zittern anfangen. „Nein.“ flüsterte er. Dann, etwas lauter noch einmal, „Nein!“ Benedic rannte in das Zimmer, fiel, an die Seite seiner Frau, auf die Knie und griff nach ihrer Hand. Ihre Wangen waren eingefallen, die Nase fahl und trocken. Sie schien in der kurzen Zeit um Jahre gealtert. Die Frauen hatten ihre Beine auf dem Bett ausgestreckt und ihren Körper mit dem Tuch vollständig bedeckt. Er starrte so angestrengt auf Anishas Brust und versuchte das Heben und Senken zu sehen, das seine Augen schmerzten. Doch es rührte sich nichts. „Nein, nein, nein, nein!“ Er schrie jetzt. Er schrie ihren Namen. Schrie sie an die Augen zu öffnen. Schrie so lange bis seine Stimme tränenerstickt brach. Aber sie antwortete ihm nicht. Seine Frau war tot. Er beugte sich vor und drückte seine Nase an die ihre. Der tiefste Liebes- und Vertrauensbeweis zwischen sich liebenden Animas. Ihre Nase war kalt und ihr Gesicht ohne Leben. Plötzlich schreckte er auf. Das Kind! Er fuhr zu den Frauen herum und sah, dass eine von ihnen ein Bündel in den Armen hielt. Er erhob sich und ging mit aufgestellten Ohren auf sie zu. Sie blickte nicht von dem Bündel auf, während er sich ihr näherte und in ihren Augen konnte er etwas erkennen, dass ihn verwirrte. Furcht.
„Was ist mit dem Kind?“ Fragte er und sie zuckte beim Klang seiner Stimme zusammen. Mit einer eigenartigen Hast reichte sie ihm das Bündel und trat schnell zurück.
Bei Orbis, lass es am Leben sein. Flehte er und schloss die Augen. Er fürchtete sich vor dem, was er vielleicht gleich sehen würde. Fürchtete sich davor von nun an allein zu sein und alles verloren zu haben, was ihm etwas bedeutete. Doch als er eine Bewegung unter seinen Händen verspürte, riss er die Augen auf und sah hinab auf das Kind in seinen Armen. Seewasserblaue Augen mit einer dunkelbraunen Fellumrandung, starrten ihn an, die Schnauze zu einem überraschten ‚Oh‘ geformt. Sein Fell war ein etwas helleres Grau als Benedics und im Gesicht zeigten sich Abzeichen im Hellbraun seiner Mutter. Benedics Körper durchflutete eine erleichterte Glückseeligkeit. Es lebte. Sein Kind war am Leben!
„Es- es ist ein Junge.“ Ein kurzes Lachen entfleuchte ihm. Anisha hatte am Ende also wieder Recht behalten. Benedic hob lächelnd den Kopf um Agnes anzusehen. Er hatte ihr danken wollen, dass sie das Leben seines Kindes gerettet hatte, doch blieben ihm die Worte im Halse stecken. Agnes stand mit den anderen Frauen am anderen Ende des Raumes, als wollten sie so viel Abstand wie möglich zwischen sich und dem Kind bringen. Die kalte Hand der Angst legte sich um Benedics Herz.
„Was habt ihr? Stimmt etwas nicht? Ist etwas mit meinem Kind?“ Pfarrer Uzziel trat nun, gebeugten Rückens ebenfalls in den Raum, und die Frauen rückten näher zu ihm, als suchten sie Schutz im Schatten des Riesen. Er sah sie fragend an und Agnes deutete ihm sich zu ihr hinunter zu beugen. Sie sprach leise zu ihm, als fürchtete sie mit ihren Worten etwas Schlimmes herauf zu beschwören: „Das Kind. Es- es schrie nicht. Es gibt uberhaupt keinen Laut von sich. Und es… es trägt ein Zeichen des Unheil auf der Brust.“ Die dunklen Augen des Pfarrer richteten sich auf Benedic, der reflexartig den Griff um das Kind verstärkte. „Lasst mich es sehen.“ Uzziels Stimme, sonst warm und herzlich, war jetzt dunkel und ernst. Benedic trat nur widerwillig zu ihm und hob das Kind etwas mehr nach oben. Der Pfarrer nahm das Tuch, in das es gewickelt war und hob es an. Auf dem Brustfell des Kindes zeichnete sich deutlich ein silberfarbenes Kreuz mit spitz zulaufenden Enden ab. Benedics Magen verkrampfte als Uzziels Augen sich verengten.
„Was bedeutet das, Pfarrer?“ Uzziel deckte das Kind wieder zu und trat einen Schritt zurück. „Unheil schwebt über diesem Welpen. Seine Geburt stand von vornherein unter keinem guten Stern, das wusstet ihr. Und dieses Zeichen, lässt auf schlimme Zeiten deuten.“ Benedic drückte das Bündel fester an sich. „Das glaube ich nicht. Es ist ein Neugeborenes! Die Unschuldigsten Geschöpfe der Götter!“ Er und Uzziel starrten sich lange an, ehe Letzterer den Kopf zu einem zaghaften Nicken beugte. „Du sprichst wahr, Wolf. Es ist neu und unbeschrieben in dieser Welt. Vielleicht kann das Unheil in ihm von der Macht des Glaubens und der strengen Erziehung des Vaters verdrängt werden. Das wird die Zeit zeigen. Aber höre meine Worte, Benedic, wird dieses Kind zu einer Bedrohung für unsere Gemeinschaft werde ich handeln müssen. Verstehst und akzeptierst du das?“ Benedic sah in die Augen des Kindes, das sich mit der Zunge über die Nase leckte ehe es nieste. Wie konnte dieses vollkommene Geschöpf Unheil bringen?
„Ich habe verstanden.“
Der Pfarrer nickte erneut und atmete tief durch. Benedic war nicht aufgefallen wie angespannt das Shirehorse war.
„Wie soll euer Sohn heißen, Gerber Benedic?“ Er wollte gerade antworten, dass er noch Zeit brauchte, als Agnes sich leise zu Wort meldete. „Eure Frau sagte mir einen Namen als die Wehen begannen.“ Eine kurze Pause trat ein, in der Benedic glaubte zu hören wie sein Herz vor Trauer um seine Frau brach. Anisha hatte einen Namen gehabt. Vermutlich hatte sie ihn all die Zeit schon gewusst. „Welchen Namen nannte sie euch?“ Seine Zunge war schwer als er sprach. „Sie sagte er solle Rouven heißen.“ Antwortete Agnes und gab ihm somit das letzte Vermächtnis seiner Frau. Das Kind in seinen Armen stieß ein kurzes Winseln aus und Benedic hob seinen Sohn vor das Gesicht um ihre Nasen aneinander zu drücken. Das Kind lächelte glücklich und dieses Lächeln spiegelte sich in Benedics Miene wieder. „Willkommen in Tiorlanth, mein Sohn Rouven.“
Draußen hatte der Schneesturm aufgehört und durch das vom Wind zum Teil herausgewehte Stroh in den Fensterscharten fielen ein paar rötliche Sonnenstrahlen in das Zimmer. Es war der erste Tag des zweiten Mondes in Winjaik. Der Morgen von Juhlmiris, dem Totenfest.

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